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Wie der Macheeide in die Schachwelt kam

Emanuel Lasker

Der längste Weltmeister der Schachgeschichte, Dr. Emanuel Lasker, der den Schachthron von 1894-1921 behaupten konnte, hatte nach der wissenschaftlichen Revolution in der Moderne, für die vor allem Wilhelm Steinitz und Siegbert Tarrasch stehen, für eine zweite Revolution gesorgt und damit eine zweite, um es mit den Worten von Karl Marx zu sagen, Lokomotive der (Schach)-Geschichte in Bewegung gesetzt. Nachdem Wilhelm Steinitz und Siegbert Tarrasch dem Schachspieler ein Rezept in die Hand gegeben haben, quasi jede Stellung nach wissenschaftlichen Grundsätzen, die vor allem Siegbert Tarrasch allgemeinverständlich in Form von Leitsätzen popularisiert hatte, aufzulösen, galt es als modern und erfolgreich, durch ein möglichst “korrektes” Spiel maximalen Erfolg zu erzielen. Auch Emanuel Lasker hatte die Gedanken von Wilhelm Steinitz in sich aufgesogen. Daß er sich später nicht nur dem “alternden Steinitz” (Tarrasch), sondern auch dem in den besten Jahren stehenden “praeceptor germaniae” als überlegen erweisen sollte, liegt daran, daß er wie Steinitz seinen Zeitgenossen nun seinen eigenen Zeitgenossen einen Schritt voraus war.

Das Neue bei Lasker war nun, daß er es im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen verstand, den Gegner in seine Überlegungen einzubeziehen. Das, was Dr. Edmund Bruns einmal so bezeichnet hat, daß Lasker aus dem Monolog eines Steinitzens oder Tarraschs, für die der Gegner als Spielerpersönlichkeit mit seinen typischen Vorlieben und Abneigungen, Stärken und Schwächen, schlichtweg nicht existierte, einen Dialog herstellte, führte dazu, daß Lasker nicht nach dem jeweils besten Zug strebte, den es laut Tarrasch in jeder Stellung gebe, sondern nach dem für den jeweiligen Gegner unangenehmsten Zug. Und nicht zufällig wuchs Emanuel Lasker in einem Zeitalter auf, in dem ein Albert Einstein allmählich das mechanistische Weltbild durch ein relatives Weltbild ablöste. Nicht nur Garri Kasparov, der diesen Zusammenhang in seinen schachhistorischen Werken zu Lasker stets betont hatte und neben Albert Einstein als prägenden Zeitgenossen Laskers übrigens auch Siegmund Freud benannte, war das aufgefallen, sondern auch Dr. Edmund Bruns, der die Systematik der Laskerschen Neuerungen im Kontext seines Zeitalters, Pätzold zitierend, auf den Punkt brachte:

Lasker, der sich im Alter nicht zufällig der Freundschaft Albert Einsteins (1879-1955) erfreuen konnte, hatte auch seine Schlüsse aus dem Zusammenbruch der mechanistischen und positivistischen Weltanschauungen und dem Triumph der Dialektik in der Wissenschaft gezogen. Einsteins Relativitätstheorie wurde zur gleichen Zeit formuliert, da Lasker am Schachbrett nach dem relativ besten Zug trachtete. Beide sahen auf ihre Weise, daß sowohl im großen Universum als auch auf dem kleinen Schachbrett alle Wertmaßstäbe vom Bezugssystem abhingen 1

Emanuel Lasker selbst, der sich sehr für die Welt der Philosophie interessiert hatte und mit Kampf (1907), Das Begreifen der Welt (1913) und Die Philosophie des Unvollendbaren (1917) drei philosophische Werke selbständig 2 verfaßt hatte, begriff das Schachspiel als Mikrokosmos der Wirklichkeit und verband seine philosophischen Ideen mit seinen schachlichen. Seine philosophischen Auffassungen des Kampfes übertrug er auf das Schachspiel. Weniger bekannt ist in diesem Zusammenhang, daß Emanuel Lasker, durchdrungen von dieser sehr tiefen Philosophie, für seine Anschauungen eine allegorische Kunstfigur geschaffen hatte, nämlich die des Macheeiden, der in der Machologie Laskers, d. h. der Lehre des Kampfes (griechisch: machee=Kampf, logos=Lehre), eine Art klugen und perfekten Kämpfer darstellt, der in jeder Situation das Richtige tut und für jeden Gegner bestmöglich gewappnet ist.

Macheeide

Der ostdeutsche Schachlehrer Ernst Bönsch hatte sich mit der von Lasker entworfenen und auf das Schachspiel übertragenen Machologie vertraut gemacht und seine Leser über Laskers Macheeiden aufgeklärt:

Er wollte den Willen des Gegners bezwingen. In der von ihm entwickelten Lehre der „Machologie“, strebte er nach einem idealen Schachspieler, der vertraut mit allen Kampfmethoden, ausgestattet mit Logik und Erfahrung, alle Vorzüge in sich vereint. Diesen Idealtyp nennt er den „Macheiden“. Ausgerüstet mit optimalen Strategien, die ihm für die verschiedenen Situationen zur Verfügung stehen – das heißt in jeder speziellen Situation richtig und zweckmäßig handelnd -, soll er in der Lage sein, die ideale Schachpartie zu spielen. Nach Hannak wird es die Schachpartie sein, „in die nicht nur die Regeln des Spiels und des restlosen Kennens seiner Theorie und seines unbändigen Reichtums an Varianten und Kombinationen eingehen werden, sondern das ganze Triebleben des Menschen, sein Geist, seine Sehnsucht, sein Schönheitsdrang, sein Sinn für Ökonomie, Freiheit, Unbegrenztheit und Unsterblichkeit 3

Marion Bönsch-Kauke verdeutlichte in ihrem bekannten Werk Klüger durch Schach den Gehalt der den Gegner einbeziehenden Spielweise Laskers und veranschaulicht diese in ihrer ganzen Komplexität:

Die Eigenart des betreffenden Denkprozesses ist so beschaffen, daß “die Widerstände, die den Denkvollzug zugleich auf den Plan rufen und ´stören´ im Denken eines anderen Menschen begründet sind, der als kommunizierender und speziell ´gegendenkender´ Partner in Erscheinung tritt. Damit wird ein Alltagsfall exemplifiziert, der nicht eben selten ist; die problembezogene, wissenschaftliche, politische usw. Diskussion und die Prüfungssituation sind zwei Beispiele dafür. (Daß dieser spezifische Denktypus zum hauptsächlichen Denktypus zum hauptsächlichen Gegenstand der ´Theorie der Spiele´ geworden ist, sei am Rande erwähnt…) 4

In diesem Zusammenhang steht der Macheeide, der somit im Schachspiel den für Steinitz und Tarrasch nicht existenten Gegner zum Leben erweckt und sich angemessen auf ihn einstellt, und um auch dieser Laskerschen Kreation Gestalt zu geben, sei an dieser Stelle noch einmal Bönsch-Kauke zitiert, die mit der folgenden Beschreibung viel zum Verständnis dieses Macheeiden beiträgt:

Der Macheeide verstehe es, die Figuren wirksam zu führen, dadurch das Ziel auf sparsamste Weise zu erreichen, und zwar bestmöglich (in Georg Klaus´ moderner philosophischer Lesart) durch Organisation (Beweglichkeit, Kooperation), Angriff (Kraft, Wucht) und Verteidigung (Zähigkeit, Resistenz). Nur die Vollbringung zählt.

Durch seinen einzigartigen, langwährenden Kampferfolg sind diese Gesetze als prinzipiell gültige Handlungsaufforderungen spielexperimentell in Laskers lebenslangen Selbstversuchen praktisch bewiesen worden. Er selbst verkörperte den ´Macheeiden´ der ein vollkommener Spieler ist, weil er die grundlegenden Gesetzmäßigkeiten des Kampfes einseitig beherrscht. 5

Mehr zum Thema: https://www.schachburg.de/threads/1020-Als-Emanuel-Lasker-den-Macheiden-schuf?highlight=Macheide

Quellen:
1 Dr. Edmund Bruns, Das Schachspiel als Phänomen der Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, LIT-Verlag 2003, S. 56
https://www.schachburg.de/threads/1795-Zur-Freundschaft-Einsteins-und-Laskers-und-zur-quot-Tragik-quot-des-letzteren
3 Ernst Bönsch, Schachlehre – ein Handbuch für Lehrende und Lernende, Sportverlag Berlin 1985, S. 154
https://books.google.de/books?id=JBAn09e-NPYC&pg=PA103&lpg=PA103&dq=Macheeide+Lasker&source=bl&ots=1IDatgAT0a&sig=NcO6A_1UqWlBgZvmO6Asi5cVHmw&hl=de&sa=X&ei=cZ8xVdfKOsPoaI2JgaAO&ved=0CDEQ6AEwAg#v=onepage&q=Macheeide%20Lasker&f=false S. 100
5 ebd. S. 103